Ingwer: Wirkung, Vorteile und Risiken – was wissenschaftlich belegt ist
Ingwer ist Gewürz, Lebensmittel und traditionelles Heilmittel zugleich. Die unterirdische Sprossachse von Zingiber officinale wird seit langer Zeit in verschiedenen medizinischen Traditionen verwendet und ist heute weltweit als frischer Ingwer, Tee, Gewürz oder Nahrungsergänzungsmittel verbreitet. [1]
Doch wie viel ist von den zahlreichen Versprechen über die gesundheitliche Wirkung von Ingwer tatsächlich belegt? Die wissenschaftliche Datenlage ist differenziert. Für einige Anwendungsgebiete gibt es durchaus interessante klinische Hinweise – besonders bei bestimmten Formen von Übelkeit und bei Regelschmerzen. Andere Behauptungen, etwa über eine zuverlässige Krebsprävention, Muskelaufbau oder eine Steigerung der männlichen Fruchtbarkeit, sind dagegen nicht ausreichend belegt.
Was ist Ingwer und welche Inhaltsstoffe sind interessant?
Verwendet wird vor allem das Rhizom der Ingwerpflanze, das umgangssprachlich häufig als Ingwerwurzel bezeichnet wird. Die Pflanze stammt aus den warmen Regionen Asiens und wird inzwischen auch in anderen tropischen und subtropischen Gebieten angebaut. [1]
Ingwer enthält eine Reihe bioaktiver Pflanzenstoffe. Zu den bekanntesten gehören Gingerole und verwandte Verbindungen. Sie sind unter anderem für den charakteristischen Geschmack verantwortlich und werden seit Jahren hinsichtlich möglicher biologischer Wirkungen untersucht.
Bei der Bewertung von Studien ist allerdings ein wichtiger Unterschied zu beachten: Viele Untersuchungen verwenden standardisierte Extrakte oder konzentrierte Ingwerpräparate. Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass dieselbe Wirkung bereits mit einer kleinen Menge frischem Ingwer im Essen oder einer Tasse Ingwertee erreicht wird. [1]
Ingwer gegen Übelkeit: Wo die Evidenz besonders interessant ist
Eine der am besten untersuchten gesundheitlichen Anwendungen von Ingwer betrifft Übelkeit und Erbrechen. Die Forschung hat unter anderem die Anwendung während der Schwangerschaft, bei Reisekrankheit, nach Operationen und im Zusammenhang mit einer Chemotherapie untersucht. Die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch je nach Ursache der Übelkeit deutlich. [1]
Ingwer bei Übelkeit in der Schwangerschaft
Für schwangerschaftsbedingte Übelkeit gibt es vergleichsweise gute Hinweise auf einen möglichen Nutzen. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wertete zwölf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1.278 Schwangeren aus. Dabei verbesserte Ingwer die Übelkeit gegenüber Placebo, während eine eindeutige Verringerung der Zahl der Erbrechensepisoden nicht nachgewiesen werden konnte. [2]
Eine im Jahr 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit analysierte wiederum 18 systematische Reviews. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass Ingwerpräparate die Häufigkeit und Schwere von Übelkeit und Erbrechen gegenüber Placebo reduzieren können. Gleichzeitig bewerteten sie die methodische Qualität der zugrunde liegenden Reviews als unterschiedlich und betonten, dass weitere Forschung zu optimaler Dosierung und Langzeitsicherheit erforderlich ist. [3]
Ingwer kann damit eine mögliche ergänzende Option bei Schwangerschaftsübelkeit sein. Bei starkem oder anhaltendem Erbrechen, Kreislaufproblemen oder Anzeichen einer Austrocknung sollte jedoch ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden.
Ingwer bei Chemotherapie und anderen Formen von Übelkeit
Auch bei chemotherapiebedingter Übelkeit wurde Ingwer untersucht. Die Ergebnisse sind weniger eindeutig als bei Schwangerschaftsübelkeit. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse fand Hinweise auf mögliche Vorteile bei bestimmten Formen von Erbrechen, die Gesamtevidenz für Übelkeit und andere Beschwerden blieb jedoch uneinheitlich. [4]
Ingwer sollte deshalb bei einer Krebstherapie allenfalls als ergänzende Maßnahme betrachtet werden. Eine ärztlich verordnete Behandlung gegen Übelkeit darf dadurch nicht eigenständig ersetzt oder verändert werden.
Hilft Ingwer gegen Reisekrankheit?
Ob Ingwer zuverlässig vor Reisekrankheit schützt, ist deutlich weniger überzeugend belegt. Nach der aktuellen Bewertung des National Center for Complementary and Integrative Health haben die meisten Untersuchungen zu diesem Anwendungsgebiet keinen eindeutigen Nutzen gezeigt. [1]
Ingwer und Verdauung: Was ist bekannt?
Traditionell wird Ingwer häufig bei Verdauungsbeschwerden eingesetzt. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern Hinweise darauf, dass Ingwer die Magenbewegung und Magenentleerung beeinflussen kann.
In einer kleinen randomisierten Studie mit elf Menschen mit funktioneller Dyspepsie führte eine einmalige Einnahme von 1,2 Gramm Ingwer zu einer schnelleren Magenentleerung als ein Placebo. Die Untersuchung zeigte allerdings keine entsprechende Verbesserung der erfassten Magen-Darm-Symptome. [5]
Das Ergebnis ist deshalb interessant, erlaubt aber keine pauschale Aussage, dass Ingwer sämtliche Verdauungsbeschwerden behandelt. Wiederkehrende Bauchschmerzen, anhaltendes Sodbrennen, Übelkeit oder andere länger bestehende Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden.
Ingwer bei Regelschmerzen
Auch bei primärer Dysmenorrhoe, also schmerzhaften Regelblutungen ohne erkennbare organische Ursache, wurde Ingwer in zahlreichen klinischen Studien untersucht.
Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wertete zwölf Studien quantitativ aus. Die zusammengefassten Ergebnisse sprechen dafür, dass Ingwer sowohl die Intensität als auch die Dauer von Regelschmerzen gegenüber Placebo reduzieren kann. Gleichzeitig wiesen die Autoren auf ein erhöhtes Verzerrungsrisiko in den eingeschlossenen Studien und Unsicherheiten bei der Bewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses hin. [6]
Ingwer kann daher für manche Betroffene eine ergänzende Möglichkeit bei Regelschmerzen darstellen. Sehr starke, neu auftretende oder zunehmend schlimmer werdende Schmerzen sollten jedoch nicht allein mit Hausmitteln behandelt werden.
Ingwer bei Gelenk- und Muskelschmerzen
Die Inhaltsstoffe des Ingwers weisen in Laboruntersuchungen verschiedene biologische Eigenschaften auf. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine therapeutische Wirkung beim Menschen.
Für Kniearthrose gibt es Hinweise auf einen möglichen Nutzen von oral eingenommenen Ingwerpräparaten, allerdings ist ein erheblicher Teil der verfügbaren Forschung von eingeschränkter Qualität. Für äußerlich angewendeten Ingwer konnte dagegen kein überzeugender Nutzen bei Kniearthrose gezeigt werden. [1]
Etwas konkreter sind die Hinweise auf eine mögliche Verringerung von Muskelschmerzen nach körperlicher Belastung. Eine systematische Übersichtsarbeit kam zu dem Ergebnis, dass ungefähr zwei Gramm Ingwer pro Tag über mehrere Tage Muskelschmerzen nach bestimmten Formen von Kraft- oder Ausdauertraining möglicherweise moderat reduzieren können. [7]
Das bedeutet allerdings nicht, dass Ingwer den Muskelaufbau fördert. Auch eine zuverlässige Steigerung des Testosteronspiegels lässt sich aus der klinischen Evidenz nicht ableiten.
Kann Ingwer den Blutzucker senken?
Ingwer wird häufig als natürliche Unterstützung bei erhöhtem Blutzucker beworben. Die bisherigen klinischen Daten rechtfertigen jedoch keine einfache Empfehlung zur Behandlung von Diabetes mit Ingwer.
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse aus dem Jahr 2024 schloss fünf randomisierte Studien bei Menschen mit Typ-2-Diabetes ein. In den untersuchten Studien wurden Ingwerpräparate mit 1,2 bis 2 Gramm pro Tag über vier bis zwölf Wochen eingesetzt. In der zusammengefassten Auswertung zeigte sich kein statistisch signifikanter Effekt auf Nüchternblutzucker oder HbA1c; die Ergebnisse der einzelnen Studien waren teilweise unterschiedlich. [8]
Ingwer ist deshalb kein Ersatz für eine etablierte Diabetesbehandlung. Wer blutzuckersenkende Medikamente einnimmt und regelmäßig größere Mengen Ingwer oder hoch konzentrierte Präparate verwenden möchte, sollte dies mit medizinischem Fachpersonal besprechen.
Ingwer, Cholesterin und Blutdruck
Auch mögliche Effekte von Ingwer auf Blutfette und Blutdruck wurden in klinischen Studien untersucht. Einzelne Metaanalysen berichten über Veränderungen bestimmter Werte, allerdings unterscheiden sich die untersuchten Präparate, Dosierungen und Studiendesigns erheblich. Bei den Blutfetten wurden unter anderem mögliche Verbesserungen von Triglyceriden und bestimmten Cholesterinwerten beschrieben. [9]
Eine Metaanalyse randomisierter Studien fand zudem Hinweise auf eine Senkung des systolischen und diastolischen Blutdrucks durch Ingwerpräparate. Gleichzeitig war die Zahl der untersuchten Studien klein und die Ergebnisse zwischen den Untersuchungen teilweise stark unterschiedlich. Die Autoren forderten deshalb weitere Forschung, bevor daraus belastbare Schlussfolgerungen gezogen werden können. [10]
Für die alltägliche Ernährung lässt sich daraus keine Empfehlung ableiten, Ingwer gezielt zur Behandlung von Bluthochdruck oder erhöhten Cholesterinwerten einzusetzen. Bestehende Erkrankungen sollten nach den medizinisch etablierten Verfahren behandelt werden.
Hat Ingwer eine Wirkung gegen Krebs?
In Labor- und präklinischen Untersuchungen wurden verschiedene Inhaltsstoffe des Ingwers im Zusammenhang mit Krebs erforscht. Solche Ergebnisse können wichtige Ansatzpunkte für die Forschung liefern, sind aber nicht mit einem nachgewiesenen therapeutischen Nutzen beim Menschen gleichzusetzen.
Eine systematische Übersichtsarbeit zu Ingwer und Darmkrebs kam zu dem Schluss, dass die vorhandenen Ergebnisse zwar interessante biologische Effekte zeigen, die klinische Aussagekraft für eine Krebsprävention oder -behandlung jedoch schwach ist. [11]
Aussagen wie „Ingwer bekämpft Krebs“ oder „Ingwer schützt zuverlässig vor Krebs“ gehen daher über die derzeitige Evidenz hinaus. Ingwer kann keine Krebstherapie ersetzen.
Ingwer für Haut, Haare und männliche Fruchtbarkeit
Rund um Ingwer kursieren außerdem zahlreiche Versprechen über Hautbild, Haarausfall, Testosteron, Spermienqualität und männliche Fruchtbarkeit. Für weitreichende Aussagen in diesen Bereichen fehlt jedoch eine ausreichend belastbare klinische Grundlage.
Ergebnisse aus Zell- oder Tierexperimenten können nicht ohne Weiteres auf Menschen übertragen werden. Ingwer sollte deshalb nicht als wissenschaftlich nachgewiesenes Mittel gegen Haarausfall, vorzeitige Hautalterung, Erektionsstörungen oder Unfruchtbarkeit dargestellt werden.
Ist Ingwer gesund?
Als Lebensmittel kann Ingwer durchaus Bestandteil einer abwechslungsreichen Ernährung sein. Besonders interessant ist die Forschung zu bestimmten Formen von Übelkeit und zu primären Regelschmerzen. Für weitere Anwendungsgebiete gibt es teilweise vielversprechende Hinweise, die Datenlage ist dort jedoch deutlich uneinheitlicher. [1] [3] [6]
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen dem Gewürz im normalen Speiseplan und konzentrierten Nahrungsergänzungsmitteln. Studienergebnisse zu standardisierten Extrakten oder bestimmten Pulverdosierungen lassen sich nicht einfach auf jede Form und jede Menge von frischem Ingwer übertragen. [1]
Ingwer: Nebenwirkungen und mögliche Wechselwirkungen
Ingwer wird oral in vielen Studien gut vertragen. Trotzdem können Nebenwirkungen auftreten. Dazu gehören unter anderem Bauchbeschwerden, Sodbrennen, Durchfall sowie Reizungen im Mund- und Rachenraum. [1]
Besondere Aufmerksamkeit ist bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten angebracht. Für mögliche Wechselwirkungen zwischen Ingwer und oralen Blutgerinnungshemmern ist die Datenlage nicht vollständig eindeutig. Eine aktuelle Evidenzübersicht weist auf mögliche Wechselwirkungen hin, betont aber zugleich die begrenzte Qualität und widersprüchliche Ergebnisse vieler verfügbarer Daten. [12]
Wer regelmäßig Blutgerinnungshemmer oder andere Medikamente mit engem therapeutischem Bereich einnimmt, sollte deshalb größere Mengen Ingwer beziehungsweise hoch dosierte Ingwerpräparate nicht ohne Rücksprache mit dem behandelnden medizinischen Fachpersonal verwenden.
Fazit: Was kann Ingwer tatsächlich?
Ingwer ist ein vielseitiges Gewürz mit einer langen Tradition und einer inzwischen umfangreichen wissenschaftlichen Forschung. Die Ergebnisse sind jedoch keineswegs so eindeutig, wie manche Gesundheitsversprechen im Internet vermuten lassen.
Am besten untersucht ist Ingwer bei bestimmten Formen von Übelkeit, insbesondere bei schwangerschaftsbedingter Übelkeit. Auch bei primären Regelschmerzen gibt es Hinweise auf eine schmerzlindernde Wirkung. Für Verdauungsbeschwerden, Muskelschmerzen sowie einzelne Stoffwechselparameter existieren ebenfalls interessante Forschungsergebnisse, deren Aussagekraft je nach Anwendungsgebiet unterschiedlich ist. [1] [3] [5] [6] [7] [8]
Dagegen sind Behauptungen über eine nachgewiesene Krebsbekämpfung, gezielten Muskelaufbau oder eine zuverlässige Steigerung der männlichen Fruchtbarkeit derzeit wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert. [11]
Für die Küche spricht damit wenig gegen Ingwer als Teil einer ausgewogenen Ernährung, sofern er gut vertragen wird. Hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel sollten dagegen nicht automatisch als völlig risikofreie Naturprodukte betrachtet werden – insbesondere dann nicht, wenn regelmäßig Medikamente eingenommen werden. [1] [12]
Quellen [+]
[1] National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Ginger: Usefulness and Safety. Aktualisiert Februar 2025. https://www.nccih.nih.gov/health/ginger
[2] Viljoen, E. et al.: A systematic review and meta-analysis of the effect and safety of ginger in the treatment of pregnancy-associated nausea and vomiting. 2014. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24642205/
[3] Tahergorabi, Z. et al.: Treatment of Nausea and Vomiting With Zingiber officinale in Pregnancy: An Umbrella Review of Systematic Reviews With Meta-Synthesis. 2026. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42322087/
[4] Crichton, M. et al.: Efficacy of Ginger (Zingiber officinale) in Ameliorating Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting and Chemotherapy-Related Outcomes: A Systematic Review Update and Meta-Analysis. 2019. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31519467/
[5] Hu, M.-L. et al.: Effect of ginger on gastric motility and symptoms of functional dyspepsia. 2011. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21218090/
[6] Moshfeghinia, R. et al.: Ginger for Pain Management in Primary Dysmenorrhea: A Systematic Review and Meta-Analysis. 2024. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38770631/
[7] Black, C. D. et al.: Ginger (Zingiber officinale) as an Analgesic and Ergogenic Aid in Sport: A Systematic Review. 2015. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26200194/
[8] Schumacher, J. C. et al.: The effect of oral supplementation of ginger on glycemic control of patients with type 2 diabetes mellitus – A systematic review and meta-analysis. 2024. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39053695/
[9] Maharlouei, N. et al.: The effect of ginger supplementation on lipid profile: A systematic review and meta-analysis of clinical trials. 2018. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29747751/
[10] Hasani, H. et al.: Does ginger supplementation lower blood pressure? A systematic review and meta-analysis of clinical trials. 2019. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30972845/
[11] Nachvak, S. M. et al.: Ginger as an anticolorectal cancer spice: A systematic review of in vitro to clinical evidence. 2023. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36789081/
[12] Alhadramy, O. et al.: Pharmacokinetic and Pharmacodynamic Interactions between Food or Herbal Products and Oral Anticoagulants: Evidence Review, Practical Recommendations, and Knowledge Gaps. 2024. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39288907/
