Welche Krankheiten ähneln Multipler Sklerose?
Taubheitsgefühle, Sehstörungen, Gleichgewichtsprobleme, Muskelschwäche oder starke Erschöpfung können an eine Multiple Sklerose (MS) denken lassen. Allerdings sind solche Beschwerden nicht spezifisch für MS. Auch andere neurologische, entzündliche, autoimmune, stoffwechselbedingte oder vaskuläre Erkrankungen können ein ähnliches Beschwerdebild verursachen. [1]
Deshalb lässt sich eine Multiple Sklerose nicht allein anhand einzelner Symptome oder eines auffälligen MRT-Befundes feststellen. Für die Diagnose werden unter anderem Krankengeschichte, neurologische Untersuchung, Magnetresonanztomografie und – je nach Situation – Untersuchungen des Nervenwassers sowie Bluttests berücksichtigt. Gleichzeitig müssen Erkrankungen ausgeschlossen werden, die MS nachahmen können. [1] [2]
Warum können andere Krankheiten wie Multiple Sklerose aussehen?
MS betrifft das zentrale Nervensystem und kann deshalb sehr unterschiedliche Beschwerden auslösen. Je nachdem, welche Bereiche von Gehirn, Sehnerven oder Rückenmark betroffen sind, können beispielsweise Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Schwäche, Koordinationsprobleme oder andere neurologische Symptome auftreten.
Das Problem: Viele dieser Beschwerden kommen auch bei anderen Erkrankungen vor. Zusätzlich können Veränderungen der weißen Hirnsubstanz im MRT bei verschiedenen Krankheiten auftreten. Deshalb reicht ein einzelnes Symptom oder ein einzelner MRT-Befund nicht aus, um automatisch von MS auszugehen. [1] [3]
Wichtige Krankheiten mit ähnlichen Beschwerden wie MS
1. Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD)
Eine besonders wichtige Differenzialdiagnose ist die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung, kurz NMOSD. Sie wurde früher teilweise als Variante der Multiplen Sklerose betrachtet, gilt heute jedoch als eigenständige Erkrankung mit anderer Krankheitsentstehung, Prognose und Behandlung. [4]
NMOSD betrifft häufig den Sehnerv und das Rückenmark. Typisch können ausgeprägte Sehstörungen oder eine Entzündung des Rückenmarks mit Schwäche, Sensibilitätsstörungen sowie Blasen- und Darmproblemen sein. Auch längere Rückenmarksentzündungen können auftreten. [4]
Für die Abgrenzung von MS können unter anderem Antikörper gegen Aquaporin-4 (AQP4-IgG) untersucht werden. Bei bestimmten klinischen Konstellationen ist außerdem die Untersuchung auf MOG-IgG wichtig. [4] [5]
2. MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD)
Auch die MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung, kurz MOGAD, kann Beschwerden verursachen, die zunächst an MS oder NMOSD erinnern. MOGAD ist inzwischen als eigenständige entzündlich-demyelinisierende Erkrankung anerkannt. [5] [6]
Je nach Alter und Krankheitsverlauf können unter anderem Sehnervenentzündungen, Entzündungen des Rückenmarks oder des Gehirns auftreten. Die klinische und bildgebende Überschneidung mit MS macht eine sorgfältige Diagnostik besonders wichtig. [5]
3. Fibromyalgie
Auch Fibromyalgie kann mit Beschwerden einhergehen, die teilweise denen einer MS ähneln. Dazu gehören insbesondere ausgeprägte Müdigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme sowie Kribbeln oder Taubheitsgefühle an Armen und Beinen. Charakteristisch sind außerdem weit verbreitete Schmerzen und eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. [7]
Im Unterschied zu MS steht bei Fibromyalgie typischerweise ein chronisches Schmerz- und Erschöpfungssyndrom im Vordergrund. Die neurologische Untersuchung und die weitere Diagnostik helfen dabei, die Beschwerden richtig einzuordnen.
4. Zerebrale Small-Vessel-Disease
Erkrankungen der kleinen Blutgefäße im Gehirn können ebenfalls Veränderungen der weißen Hirnsubstanz verursachen. Solche Veränderungen können sich in der Magnetresonanztomografie teilweise mit MS-Läsionen überschneiden, weshalb die Bildgebung immer im Zusammenhang mit Alter, Risikofaktoren, Beschwerden und klinischer Untersuchung beurteilt werden muss. [3]
Eine zerebrale Small-Vessel-Disease kann unter anderem mit kognitiven Veränderungen, Gangstörungen oder anderen neurologischen Beeinträchtigungen verbunden sein. Die genaue Beurteilung des MRT-Musters ist für die Differenzierung von MS besonders wichtig. [3]
5. Migräne
Migräne ist eine weitere Erkrankung, die bei der Differenzialdiagnose berücksichtigt werden kann. Neben wiederkehrenden Kopfschmerzen können Migräneattacken unter anderem Sehstörungen, Schwindel, Sensibilitätsstörungen und Konzentrationsprobleme verursachen. [8]
Auch bei Menschen mit Migräne können im MRT Veränderungen der weißen Hirnsubstanz sichtbar sein. Solche Befunde sind deshalb nicht automatisch ein Hinweis auf Multiple Sklerose und müssen im klinischen Zusammenhang bewertet werden. [8]
6. Vitamin-B12-Mangel
Ein Mangel an Vitamin B12 kann neurologische Beschwerden verursachen, die teilweise einer Erkrankung des Rückenmarks oder peripherer Nerven ähneln. Dazu gehören beispielsweise Kribbeln und Taubheitsgefühle, Gang- und Gleichgewichtsstörungen sowie Veränderungen von Konzentration und Gedächtnis. [9] [10]
Besonders wichtig ist, dass neurologische Folgen eines Vitamin-B12-Mangels auch ohne ausgeprägte Blutarmut auftreten können. Deshalb kann eine entsprechende Blutuntersuchung bei passenden Beschwerden Teil der Differenzialdiagnostik sein. [10]
7. Kupfermangel
Auch ein Kupfermangel kann eine Erkrankung des Rückenmarks verursachen. Die sogenannte Kupfermangel-Myelopathie kann insbesondere durch Gang- und Koordinationsstörungen sowie sensible Beschwerden auffallen und dem neurologischen Erscheinungsbild eines Vitamin-B12-Mangels ähneln. [11]
Zu den möglichen Ursachen gehören unter anderem eine gestörte Aufnahme im Magen-Darm-Trakt und eine übermäßige Zufuhr von Zink. Da eine Kupfermangel-Myelopathie behandelbar sein kann, ist die Erkennung einer solchen Ursache diagnostisch relevant. [11]
8. Neurosarkoidose und Sarkoidose
Eine Sarkoidose kann in seltenen Fällen das Nervensystem betreffen. Bei einer solchen Neurosarkoidose können neurologische Symptome und MRT-Veränderungen auftreten, die eine Multiple Sklerose imitieren können. [12]
Die Unterscheidung kann schwierig sein, weil sich bestimmte klinische und bildgebende Merkmale überschneiden. Hinweise auf eine Beteiligung anderer Organe, charakteristische Labor- oder Bildbefunde und in ausgewählten Fällen eine Gewebeuntersuchung können bei der weiteren Abklärung eine Rolle spielen. [12] [13]
9. Systemischer Lupus erythematodes
Auch der systemische Lupus erythematodes (SLE) kann das zentrale Nervensystem betreffen. Neurologische Beschwerden und Veränderungen im Gehirn können teilweise denen einer MS ähneln. [14]
Die Abgrenzung erfolgt deshalb nicht ausschließlich anhand des MRT. Zusätzlich können Beschwerden an anderen Organen, immunologische Untersuchungen und weitere klinische Befunde wichtige Hinweise liefern. [14] [15]
10. Neuroborreliose
Eine Infektion mit Borrelien kann das Nervensystem betreffen und neurologische Beschwerden verursachen. In bestimmten Fällen kann eine Neuroborreliose deshalb in die Differenzialdiagnose einer vermeintlichen MS einbezogen werden. [16]
Die diagnostische Abklärung richtet sich nach den Beschwerden, dem zeitlichen Verlauf, möglichen Expositionsrisiken und geeigneten Laboruntersuchungen. Ein alleiniger positiver Antikörperbefund beweist dabei nicht automatisch, dass die aktuellen neurologischen Beschwerden durch eine Neuroborreliose verursacht werden. [16]
11. Weitere mögliche MS-Imitate
Neben den genannten Erkrankungen gibt es weitere Ursachen, die je nach Beschwerdebild berücksichtigt werden können. Dazu gehören beispielsweise Erkrankungen der Halswirbelsäule, periphere Neuropathien, akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM), bestimmte Gefäßerkrankungen, andere Autoimmunerkrankungen sowie verschiedene Infektionen. [1] [4]
Welche Erkrankungen tatsächlich untersucht werden müssen, hängt deshalb stark vom individuellen Erscheinungsbild ab. Eine pauschale Liste aller möglichen Ursachen ist weniger hilfreich als eine gezielte Differenzialdiagnose durch eine neurologische Fachuntersuchung.
Wie unterscheiden Ärzte MS von ähnlichen Erkrankungen?
Die Diagnose einer Multiplen Sklerose basiert auf einer Kombination verschiedener Befunde. Nach den überarbeiteten McDonald-Kriterien von 2024 können klinische, bildgebende und bestimmte Liquor- beziehungsweise Biomarkerbefunde gemeinsam zur Diagnose beitragen. Der Sehnerv wurde dabei als weitere anatomische Region des zentralen Nervensystems berücksichtigt; außerdem können bestimmte MRT- und Liquormarker die diagnostische Sicherheit unterstützen. [17]
MRT von Gehirn und Rückenmark
Die Magnetresonanztomografie gehört zu den wichtigsten Untersuchungen bei Verdacht auf MS. Sie kann typische Läsionen sichtbar machen und gleichzeitig Hinweise liefern, die eher für eine andere Erkrankung sprechen. [1]
Ein auffälliges MRT allein bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine Multiple Sklerose vorliegt. Entscheidend ist, ob die Veränderungen zum klinischen Bild und zu den diagnostischen Kriterien passen.
Untersuchung des Nervenwassers
Bei unklaren Fällen kann eine Untersuchung des Liquors, also der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit, zusätzliche Informationen liefern. Dazu gehören unter anderem die Untersuchung auf oligoklonale Banden und weitere immunologische Parameter. Je nach Fragestellung können auch andere Laboruntersuchungen notwendig sein. [1]
Blutuntersuchungen
Bluttests können helfen, andere behandelbare Ursachen auszuschließen. Je nach klinischem Verdacht kommen beispielsweise Untersuchungen auf Vitaminmangel, bestimmte Autoimmunerkrankungen, Infektionen oder Antikörper gegen AQP4 beziehungsweise MOG infrage. [1] [4] [10]
Warum eine genaue Differenzialdiagnose wichtig ist
Die Unterscheidung zwischen MS und einer ähnlichen Erkrankung ist nicht nur eine Frage der Bezeichnung. Verschiedene neurologische Erkrankungen benötigen unterschiedliche Behandlungen. Eine möglichst genaue Diagnose hilft deshalb dabei, eine geeignete Therapie auszuwählen und vermeidbare Fehlbehandlungen zu verhindern. [4] [13]
Das gilt insbesondere für Erkrankungen wie NMOSD und MOGAD, die zwar klinisch mit MS überlappen können, aber eigenständige Krankheitsbilder darstellen. Auch behandelbare Stoffwechselursachen wie ein Vitamin-B12- oder Kupfermangel sollten nicht übersehen werden. [5] [10] [11]
Wann sollte man neurologische Beschwerden ärztlich abklären lassen?
Neu auftretende oder wiederkehrende neurologische Beschwerden sollten ärztlich beurteilt werden, insbesondere wenn beispielsweise Sehstörungen, anhaltende Taubheitsgefühle, Muskelschwäche, deutliche Gleichgewichts- oder Koordinationsprobleme oder andere ungeklärte neurologische Ausfälle auftreten.
Solche Beschwerden bedeuten nicht automatisch, dass eine Multiple Sklerose vorliegt. Gerade weil verschiedene Erkrankungen ähnliche Symptome verursachen können, ist eine strukturierte medizinische Abklärung entscheidend.
Fazit
Es gibt zahlreiche Krankheiten, deren Beschwerden denen einer Multiplen Sklerose ähneln können. Zu den wichtigen Differenzialdiagnosen gehören unter anderem NMOSD, MOGAD, Fibromyalgie, Erkrankungen der kleinen Hirngefäße, Migräne, Vitamin-B12- und Kupfermangel, Neurosarkoidose, systemischer Lupus erythematodes und Neuroborreliose.
Keine einzelne Beschwerde und kein isolierter MRT-Befund beweist eine MS. Erst die Zusammenschau von Krankengeschichte, neurologischer Untersuchung, MRT und – wenn erforderlich – Liquor-, Blut- und Antikörperuntersuchungen ermöglicht eine zuverlässigere Einordnung. Die aktuellen diagnostischen Kriterien wurden zudem weiterentwickelt, um MS früher und möglichst sicher zu erkennen. [17]
Quellen [+]
[1] MSD Manual: Multiple Sklerose (MS) – Diagnose und Differenzialdiagnose. 2026. https://www.msdmanuals.com/de/profi/neurologische-krankheiten/demyelinisierende-erkrankungen/multiple-sklerose-ms?media=full%27
[2] National Multiple Sclerosis Society: Multiple Sclerosis – Diagnosis. 2025. https://secure.nationalmssociety.org/docs/HOM/brochures/Diagnosis.pdf
[3] Wang S. et al.: Clinical, Radiological and Pathological Characteristics Between Cerebral Small Vessel Disease and Multiple Sclerosis: A Review. 2022. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9263123/
[4] Neuromyelitis Optica Study Group (NEMOS): Update on the diagnosis and treatment of neuromyelitis optica spectrum disorders – revised recommendations, Part I: Diagnosis and differential diagnosis. 2023. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37022481/
[5] Deutsche Gesellschaft für Neurologie / AWMF: S2k-Leitlinie zur Diagnose und Therapie der MS, NMOSD und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen. 2025. https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-050l_S2k_Diagnose-Therapie-Multiple-Sklerose-Neuromyelitis-Optica-Spektrum-MOG-IgG-assoziierte-Erkrankungen_2025-02.pdf
[6] Moseley C. E. et al.: MOG CNS Autoimmunity and MOGAD. Neurology: Neuroimmunology & Neuroinflammation. 2024. https://www.neurology.org/doi/10.1212/NXI.0000000000200275
[7] National Institute of Arthritis and Musculoskeletal and Skin Diseases (NIAMS): Fibromyalgia – Overview, Symptoms, Causes. https://www.niams.nih.gov/health-topics/fibromyalgia
[8] Giordano A. et al.: Clinical Insights and Radiological Features on Multiple Sclerosis Comorbid with Migraine. Journal of Clinical Medicine. 2025. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39860566/
[9] National Heart, Lung, and Blood Institute (NIH): Vitamin B12–Deficiency Anemia. 2022. https://www.nhlbi.nih.gov/health/anemia/vitamin-b12-deficiency-anemia
[10] National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements: Vitamin B12 – Health Professional Fact Sheet. 2025. https://ods.od.nih.gov/factsheets/Vitaminb12-HealthProfessional/
[11] Jaiser S. R., Winston G. P.: Copper deficiency myelopathy. Journal of Neurology. 2010. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20232210/
[12] MacLean H. J., Abdoli M.: Neurosarcoidosis as an MS Mimic: The trials and tribulations of making a diagnosis. Multiple Sclerosis and Related Disorders. 2015. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26346790/
[13] Shen J. et al.: Neurosarcoidosis: Diagnostic Challenges and Mimics – A Review. Current Allergy and Asthma Reports. 2023. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37256482/
[14] Magro Checa C. et al.: Demyelinating disease in SLE: is it multiple sclerosis or lupus? Best Practice & Research Clinical Rheumatology. 2013. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24238696/
[15] Clinical, immunological and neuroimaging spectrum of CNS lupus: can we reliably differentiate it from MS? 2025. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39737583/
[16] Woessner R., Treib J.: Differential diagnosis of Lyme borreliosis. MMW Fortschritte der Medizin. 2003. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15104265/
[17] Montalban X. et al.: Diagnosis of multiple sclerosis: 2024 revisions of the McDonald criteria. The Lancet Neurology. 2025. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40975101/
