Kolloidales Silber gegen Darmkrebs: Was ist wissenschaftlich belegt?
Kolloidales Silber wird im Internet teilweise als natürliches Mittel gegen verschiedene Beschwerden und sogar als mögliche Behandlung von Krebs beworben. Für eine Behandlung von Darmbeschwerden oder Darmkrebs beim Menschen gibt es dafür jedoch keinen belastbaren klinischen Wirksamkeitsnachweis. Die verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen zu Silber und Krebs stammen zum Teil aus Labor- oder Tiermodellen und lassen sich nicht unmittelbar auf eine Therapie beim Menschen übertragen. [1]
Besonders wichtig ist deshalb die Unterscheidung zwischen Silbernanopartikeln, die in der Forschung untersucht werden, und frei verkäuflichen Produkten wie kolloidalem Silber oder sogenanntem Silberwasser. Dass bestimmte Silberverbindungen im Labor Krebszellen schädigen können, bedeutet nicht, dass das Trinken von kolloidalem Silber Krebs behandelt oder sicher ist.
Was ist kolloidales Silber?
Kolloidales Silber besteht aus sehr kleinen Silberpartikeln, die in einer Flüssigkeit verteilt sind. Solche Produkte werden teilweise als Nahrungsergänzungsmittel angeboten und mit verschiedenen gesundheitlichen Wirkungen beworben. Nach Angaben des National Center for Complementary and Integrative Health fehlen jedoch ausreichende wissenschaftliche Belege für entsprechende gesundheitsbezogene Versprechen. [1]
Silber ist außerdem kein essenzieller Mineralstoff, den der menschliche Körper für eine normale Ernährung benötigt. Es gibt keinen bekannten gesundheitlichen Vorteil davon, Silber oral einzunehmen. [1]
Kann Silber gegen Darmkrebs wirken?
Die Frage ist wissenschaftlich durchaus interessant, denn Silber und insbesondere Silbernanopartikel werden in der Krebsforschung untersucht. Dabei geht es jedoch um speziell entwickelte Substanzen und deren Wirkung auf Krebszellen unter kontrollierten experimentellen Bedingungen – nicht um die Einnahme von kolloidalem Silber als Hausmittel.
Was zeigen Untersuchungen an Darmkrebszellen?
Eine 2015 veröffentlichte Laborstudie untersuchte biogen hergestellte Silbernanopartikel, die mithilfe von Honigbienenextrakt hergestellt wurden. Die Forscher prüften deren Wirkung unter anderem auf Darmkrebszellen. In der Untersuchung zeigten die Silbernanopartikel eine hemmende Wirkung auf die Vermehrung der untersuchten Krebszellen. [2]
Die Studie fand außerdem bei bestimmten Konzentrationen eine Hemmung der Zellvermehrung von etwa 60 Prozent. Dabei handelte es sich jedoch um In-vitro-Forschung, also Untersuchungen außerhalb des menschlichen Körpers. Die Ergebnisse zeigen lediglich, dass die untersuchten Partikel für eine weitere Forschung interessant sein könnten. Sie belegen nicht, dass kolloidales Silber bei Menschen Darmkrebs behandeln kann. [2]
Auch eine weitere Studie untersuchte speziell entwickelte Silber(I)-Komplexe an der menschlichen Darmkrebszelllinie HCT116. Die untersuchten Verbindungen zeigten eine dosisabhängige zellschädigende Wirkung. Die wirksamste Verbindung erreichte in diesem Zellmodell einen IC50-Wert von 9,7 Mikromolar. [3]
Auch hier gilt: Es handelte sich um eine Laboruntersuchung mit speziell synthetisierten chemischen Verbindungen. Daraus lässt sich weder eine geeignete Einnahmedosis für Menschen noch eine Wirksamkeit von kolloidalem Silber als Krebsbehandlung ableiten.
Warum Laborergebnisse keine Krebsbehandlung beweisen
Ein Wirkstoffkandidat muss mehrere Forschungsstufen durchlaufen, bevor er als Behandlung für Menschen infrage kommt. Ein Stoff kann Krebszellen in einer Zellkultur abtöten und gleichzeitig für gesundes Gewebe ungeeignet oder zu giftig sein.
Bei einer möglichen Krebstherapie müssen deshalb unter anderem Wirksamkeit, Dosierung, Aufnahme und Verteilung im Körper, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und die Auswirkungen auf gesundes Gewebe untersucht werden. Erst klinische Studien am Menschen können zeigen, ob eine Behandlung tatsächlich einen medizinischen Nutzen hat.
Die vorliegenden Untersuchungen zu Silber gegen Darmkrebs erfüllen diese Anforderungen für kolloidales Silber nicht. Sie sind daher kein Beleg dafür, dass Silberwasser eine etablierte Therapie des Darmkrebses ersetzen oder ergänzen kann.
Ist kolloidales Silber für den Darm sicher?
Die Einnahme von kolloidalem Silber ist nicht als sichere und wirksame Behandlung von Krankheiten belegt. Das NCCIH verweist darauf, dass die US-amerikanische Food and Drug Administration kolloidales Silber nicht als sicher oder wirksam zur Behandlung irgendeiner Erkrankung anerkennt. [1]
Ein wesentliches Risiko ist die sogenannte Argyrie. Dabei lagert sich Silber im Gewebe ab und kann eine blau-graue Verfärbung der Haut verursachen. Diese Veränderung kann dauerhaft sein. [1]
Darüber hinaus kann kolloidales Silber die Aufnahme bestimmter Medikamente beeinträchtigen. Genannt werden unter anderem einige Antibiotika und Levothyroxin, das zur Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion eingesetzt wird. Es gibt außerdem Hinweise auf mögliche Auswirkungen auf Nieren, Leber und Nervensystem. [1]
Was passiert mit Silber im Verdauungstrakt?
Nach der Einnahme gelangt Silber zunächst in den Magen-Darm-Trakt. Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass Silbernanopartikel während der Passage durch das Verdauungssystem ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften verändern können. Das ist relevant, weil dadurch auch ihre Aufnahme und ihre Wechselwirkung mit dem Darmgewebe beeinflusst werden können. [4]
In einer experimentellen Untersuchung wurden kommerzielle silberhaltige Produkte unter anderem auf ihre Auswirkungen auf Darmzellen untersucht. Die Ergebnisse unterstreichen, dass die mögliche Wirkung auf die Darmschleimhaut bei der Bewertung oral eingenommener Silberprodukte berücksichtigt werden muss. [4]
Aus solchen Laboruntersuchungen lässt sich allerdings ebenfalls nicht ableiten, dass kolloidales Silber beim Menschen zwangsläufig Darmschäden verursacht. Sie zeigen vielmehr, warum die Sicherheit einer oralen Einnahme nicht einfach vorausgesetzt werden sollte.
Kann kolloidales Silber Darmbeschwerden behandeln?
Für die Behandlung unspezifischer Darmbeschwerden mit kolloidalem Silber fehlen belastbare klinische Nachweise. Das gilt beispielsweise für Beschwerden, die unter dem Begriff „Darmprobleme“ zusammengefasst werden. Je nach Ursache können dahinter völlig unterschiedliche Erkrankungen oder funktionelle Störungen stehen.
Kolloidales Silber sollte deshalb nicht eingesetzt werden, um eine ärztlich abklärungsbedürftige Erkrankung zu behandeln oder eine etablierte Therapie zu ersetzen. Das NCCIH empfiehlt ausdrücklich, nicht nachgewiesene komplementäre Produkte nicht zum Anlass zu nehmen, eine notwendige medizinische Behandlung aufzuschieben. [1]
Silber und Krebsforschung: Wo liegt der tatsächliche Nutzen?
Die Forschung an Silbernanopartikeln und Silberkomplexen ist nicht grundsätzlich bedeutungslos. Im Gegenteil: Die beobachtete zellschädigende Wirkung bestimmter Silberverbindungen auf Krebszellen kann für die Entwicklung neuer Wirkstoffe interessant sein. Die bisherigen Arbeiten befinden sich jedoch auf einer anderen Entwicklungsstufe als eine zugelassene Krebstherapie. [2] [3]
Ein wichtiger Unterschied besteht dabei zwischen einem experimentell entwickelten Wirkstoff und einem frei verkäuflichen Produkt. In der Krebsforschung werden Zusammensetzung, Partikelgröße, Konzentration und andere Eigenschaften gezielt kontrolliert. Bei kolloidalem Silber für die orale Anwendung kann dagegen nicht einfach angenommen werden, dass dieselben biologischen Effekte auftreten.
Aus einem positiven Ergebnis im Labor wird daher nicht automatisch ein wirksames Medikament. Zwischen einer interessanten Forschungsbeobachtung und einer sicheren Behandlung für Patienten liegen umfangreiche präklinische und klinische Prüfungen.
Was ist bei Darmkrebs stattdessen wichtig?
Bei einem Verdacht auf Darmkrebs oder einer bereits bestätigten Diagnose sollte die Behandlung auf dem individuellen Befund und den etablierten medizinischen Verfahren beruhen. Welche Therapie geeignet ist, hängt unter anderem vom Stadium und den biologischen Eigenschaften des Tumors ab.
Wer kolloidales Silber zusätzlich zu einer Krebsbehandlung einnehmen möchte, sollte dies vorher mit dem behandelnden Ärzteteam besprechen. Gerade bei einer laufenden medikamentösen Therapie können mögliche Wechselwirkungen relevant sein. [1]
Fazit: Silber ist keine bewiesene Behandlung für den Darm
Silbernanopartikel und bestimmte Silberkomplexe zeigen in Laboruntersuchungen interessante Effekte gegen Darmkrebszellen. Diese Ergebnisse sind ein möglicher Ausgangspunkt für weitere Forschung, stellen aber keinen Nachweis für eine wirksame Krebsbehandlung beim Menschen dar. [2] [3]
Für die Einnahme von kolloidalem Silber gibt es dagegen keinen belegten therapeutischen Nutzen. Gleichzeitig sind relevante Risiken bekannt, darunter eine dauerhafte blau-graue Hautverfärbung durch Silberablagerungen sowie mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten. [1]
Die Aussage „Silber tötet Krebszellen“ kann deshalb irreführend sein. Präziser ist: Bestimmte Silberverbindungen können unter experimentellen Bedingungen Krebszellen schädigen; daraus folgt bislang keine nachgewiesene Therapie mit kolloidalem Silber.
Quellen [+]
[1] National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Colloidal Silver: What You Need To Know. Aktualisiert April 2023. https://www.nccih.nih.gov/health/colloidal-silver-what-you-need-to-know
[2] El-Deeb, N. M. et al.: Novel Trend in Colon Cancer Therapy Using Silver Nanoparticles Synthesized by Honey Bee. Journal of Nanomedicine & Nanotechnology, 2015. https://www.walshmedicalmedia.com/open-access/novel-trend-in-colon-cancer-therapy-using-silver-nanoparticlessynthesized-by-honey-bee-34292.html
[3] Iqbal, M. A. et al.: Potential of silver against human colon cancer: Synthesis, characterization and crystal structures of xylyl linked bis-benzimidazolium salts and Ag(I)-NHC complexes: In vitro anticancer studies. Chemistry Central Journal, 2013. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23391345/
[4] Ranjan, S. et al.: In vitro intestinal toxicity of commercially available spray disinfectant products advertised to contain colloidal silver. Science of the Total Environment, 2020. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32344222/
