Eisprung für einen Jungen: Kann der Zeitpunkt der Befruchtung das Geschlecht beeinflussen?
Viele Paare mit Kinderwunsch fragen sich, ob sie durch die Wahl bestimmter Tage für den Geschlechtsverkehr die Wahrscheinlichkeit für einen Jungen erhöhen können. Besonders häufig wird behauptet, dass Geschlechtsverkehr unmittelbar am Eisprung oder kurz davor die Chancen auf einen männlichen Nachwuchs verbessern soll.
Der Zeitpunkt des Eisprungs ist tatsächlich wichtig, wenn eine Schwangerschaft entstehen soll. Er entscheidet jedoch nicht zuverlässig darüber, ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen wird. Die wissenschaftliche Evidenz spricht gegen die Annahme, dass sich das Geschlecht des Kindes durch den Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs im Verhältnis zum Eisprung gezielt beeinflussen lässt. [1] [2]
Gibt es besondere Eisprungtage für einen Jungen?
Nein. Es gibt keine wissenschaftlich belegten „Jungentage“ innerhalb des Menstruationszyklus. Der Eisprung ist zwar der zentrale Zeitpunkt für die Fruchtbarkeit, aber die Wahrscheinlichkeit für einen männlichen oder weiblichen Embryo wird nicht dadurch zuverlässig verändert, ob der Geschlechtsverkehr am Tag des Eisprungs, am Vortag oder einige Tage davor stattfindet.
Die biologische Geschlechtsbestimmung hängt bei der Befruchtung vom Geschlechtschromosom des Spermiums ab. Die Eizelle trägt ein X-Chromosom, während Spermien ein X- oder ein Y-Chromosom tragen können. Ein Spermium mit X-Chromosom führt unter den üblichen biologischen Bedingungen zu einem XX-Embryo, ein Spermium mit Y-Chromosom zu einem XY-Embryo. [3]
Daraus ergibt sich bei einer natürlichen Empfängnis grundsätzlich eine annähernd ausgeglichene Wahrscheinlichkeit für die beiden Geschlechter. Der Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs bietet keine zuverlässige Möglichkeit, diese Wahrscheinlichkeit gezielt in Richtung eines Jungen zu verschieben.
Was ist die sogenannte Shettles-Methode?
Die Vorstellung, dass man durch den Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs einen Jungen oder ein Mädchen begünstigen könne, wird häufig mit der sogenannten Shettles-Methode verbunden. Dabei wird unter anderem behauptet, Y-tragende Spermien seien schneller, aber weniger langlebig als X-tragende Spermien. Daraus wurde die Empfehlung abgeleitet, für einen Jungen möglichst nahe am Eisprung Geschlechtsverkehr zu haben.
Diese Annahmen konnten jedoch nicht überzeugend bestätigt werden. Die verfügbare wissenschaftliche Evidenz zeigt keinen verlässlichen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs im Verhältnis zum Eisprung und dem Geschlecht des Kindes. [2]
Wer den Eisprung bestimmt, kann damit also die Chancen auf eine Schwangerschaft verbessern, nicht aber zuverlässig bestimmen, ob ein Junge oder ein Mädchen entsteht.
Wann sind die fruchtbaren Tage?
Die fruchtbare Phase umfasst mehrere Tage rund um den Eisprung. Spermien können unter geeigneten Bedingungen mehrere Tage im weiblichen Genitaltrakt überleben, während die Eizelle nach dem Eisprung nur für einen begrenzten Zeitraum befruchtungsfähig bleibt. Deshalb kann Geschlechtsverkehr bereits mehrere Tage vor dem Eisprung zu einer Schwangerschaft führen. [1]
Die American College of Obstetricians and Gynecologists beschreibt die fruchtbare Phase als einen Zeitraum von ungefähr sechs Tagen, der mit dem Tag des Eisprungs endet. Für Paare mit Kinderwunsch ist regelmäßiger Geschlechtsverkehr während dieser Zeit sinnvoller, als sich auf einen einzigen vermeintlich perfekten Tag zu konzentrieren. [1]
Wie kann man den Eisprung ungefähr bestimmen?
Der Eisprung lässt sich nicht bei jeder Frau anhand eines festen Zyklustages exakt vorhersagen. Auch bei ansonsten regelmäßigen Zyklen können sich die Zeitpunkte von Monat zu Monat etwas verschieben. Deshalb sind mehrere Methoden zur Beobachtung der Fruchtbarkeit möglich. [1] [4]
Menstruationszyklus beobachten
Der erste Tag der Menstruationsblutung gilt als Tag 1 des Zyklus. Bei einem regelmäßigen 28-Tage-Zyklus findet der Eisprung häufig ungefähr in der Mitte des Zyklus statt. Allerdings ist diese Rechnung nur eine Orientierung. Häufiger lässt sich der Eisprung besser abschätzen, wenn die individuelle Zykluslänge berücksichtigt wird. [1]
Als Faustregel tritt der Eisprung häufig ungefähr 12 bis 14 Tage vor der nächsten Menstruation auf. Ein Zyklus mit 28 Tagen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass der Eisprung immer exakt an Tag 14 stattfindet. [1]
Ovulationstests verwenden
Ovulationstests für zu Hause messen normalerweise das luteinisierende Hormon, kurz LH, im Urin. Ein Anstieg des LH-Spiegels geht dem Eisprung typischerweise voraus und kann deshalb dabei helfen, die fruchtbare Phase besser einzugrenzen. [4]
Ein positiver Ovulationstest bedeutet allerdings nicht, dass damit das Geschlecht eines späteren Kindes vorhergesagt oder beeinflusst werden kann. Er liefert lediglich einen Hinweis auf den bevorstehenden Eisprung.
Zervixschleim beobachten
Auch Veränderungen des Zervixschleims können Hinweise auf die fruchtbare Phase geben. In der Zeit um den Eisprung wird der Schleim häufig dünner, klarer und dehnbarer. Diese Veränderungen unterstützen die Beweglichkeit der Spermien und können dabei helfen, die fruchtbaren Tage zu erkennen. [1] [4]
Basaltemperatur messen
Nach dem Eisprung steigt die morgendliche Basaltemperatur aufgrund hormoneller Veränderungen typischerweise leicht an. Die Temperaturmessung kann deshalb helfen, den Eisprung im Nachhinein zu erkennen. Für die Vorhersage des Eisprungs allein ist sie jedoch weniger direkt als Methoden, die den bevorstehenden LH-Anstieg erfassen. [4]
Wann sollte man Geschlechtsverkehr haben, wenn man schwanger werden möchte?
Wer schwanger werden möchte, sollte sich nicht ausschließlich auf den vermuteten Tag des Eisprungs konzentrieren. Die höchste Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft besteht innerhalb des fruchtbaren Zeitfensters, insbesondere in den Tagen unmittelbar vor dem Eisprung. [2]
Die American Society for Reproductive Medicine empfiehlt, während der fruchtbaren Phase ungefähr alle ein bis zwei Tage Geschlechtsverkehr zu haben. Häufigerer Geschlechtsverkehr ist nicht grundsätzlich schädlich für die Fruchtbarkeit, und Paare müssen sich nicht auf einen einzigen Zeitpunkt beschränken. [2]
Damit wird gleichzeitig ein verbreiteter Irrtum korrigiert: Es ist nicht notwendig, den Geschlechtsverkehr ausschließlich auf den Eisprungstag zu legen, um schwanger zu werden.
Kann man das Geschlecht des Babys auf natürlichem Weg gezielt beeinflussen?
Methoden wie die Auswahl eines bestimmten Geschlechtsverkehrstages, bestimmte sexuelle Positionen, spezielle Diäten oder Empfehlungen, nach dem Geschlechtsverkehr bestimmte Körperpositionen einzunehmen, gelten nicht als zuverlässig belegte Methoden zur Geschlechtsauswahl. Die American Society for Reproductive Medicine weist darauf hin, dass sexuelle Positionen und Verhaltensweisen nach dem Geschlechtsverkehr keinen nachgewiesenen Einfluss auf die Fruchtbarkeit haben. [2]
Insbesondere die Idee, dass ein Geschlechtsverkehr unmittelbar am Eisprung automatisch die Wahrscheinlichkeit für einen Jungen erhöht, sollte daher als nicht wissenschaftlich belegt betrachtet werden.
Warum ist die Berechnung des Eisprungs trotzdem sinnvoll?
Auch wenn sich damit das Geschlecht des Babys nicht zuverlässig bestimmen lässt, kann die Beobachtung des Eisprungs für Paare mit Kinderwunsch durchaus hilfreich sein. Sie ermöglicht eine bessere Einschätzung der fruchtbaren Phase und kann dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Geschlechtsverkehr zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem eine Befruchtung möglich ist. [1] [2]
Das eigentliche Ziel sollte deshalb nicht ein vermeintlicher „Jungentag“, sondern die möglichst gute Nutzung des individuellen fruchtbaren Zeitfensters sein.
Wann sollte man ärztliche Hilfe bei Kinderwunsch suchen?
Wenn trotz regelmäßigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eintritt, kann eine ärztliche Abklärung sinnvoll sein. Nach Angaben des ACOG wird bei Frauen unter 35 Jahren üblicherweise nach zwölf Monaten erfolgloser Versuche eine Abklärung empfohlen. Ab 35 Jahren sollte eine Untersuchung bereits nach sechs Monaten erwogen werden. Bei bekannten Risikofaktoren für eingeschränkte Fruchtbarkeit kann eine frühere Abklärung sinnvoll sein. [5]
Fazit: Eisprung ja – „Jungentage“ nein
Der Eisprung ist für die Entstehung einer Schwangerschaft entscheidend, aber es gibt keine wissenschaftlich belegten speziellen Eisprungtage für die Zeugung eines Jungen. Der Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs kann die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft beeinflussen, nicht jedoch zuverlässig das Geschlecht des Kindes. [1] [2]
Wer schwanger werden möchte, kann den Zyklus, den Zervixschleim, Ovulationstests oder andere Methoden zur Bestimmung der fruchtbaren Phase nutzen. Dabei sollte der Fokus auf einer möglichst guten Chance auf eine Schwangerschaft liegen – nicht auf unbewiesenen Methoden zur Auswahl des Geschlechts.
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[1] American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG): Trying to Get Pregnant? Here’s When to Have Sex, Informationen zu Eisprung, fruchtbarem Zeitfenster und optimalem Timing bei Kinderwunsch. https://www.acog.org/womens-health/experts-and-stories/the-latest/trying-to-get-pregnant-heres-when-to-have-sex
[2] American Society for Reproductive Medicine (ASRM): Optimizing natural fertility: a committee opinion, 2022. Empfehlungen zur fruchtbaren Phase, Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs und Methoden zur Bestimmung der Ovulation. https://www.asrm.org/practice-guidance/practice-committee-documents/optimizing-natural-fertility-a-committee-opinion-2021/
[3] Encyclopaedia Britannica: Sexual differentiation, Grundlagen der chromosomalen Geschlechtsbestimmung beim Menschen. https://www.britannica.com/science/sexual-differentiation
[4] American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG): Fertility Awareness-Based Methods of Family Planning, Informationen zur Bestimmung der fruchtbaren Tage, Zervixschleim und Ovulation. https://www.acog.org/womens-health/faqs/fertility-awareness-based-methods-of-family-planning
[5] American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG): Prepregnancy Counseling, Empfehlungen zur Abklärung bei ausbleibender Schwangerschaft und zu Fruchtbarkeit. https://www.acog.org/clinical/clinical-guidance/committee-opinion/articles/2019/01/prepregnancy-counseling
